Arjuna Fan Fiction ❯ Mondkinder ❯ ach herrje... ( Chapter 9 )

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Am nächsten Morgen dauerte es lange, bis Juna und Lia aufwachten. Als sie feststellten, dass sie fast verschlafen hätten, zogen sie sich eilends an und liefen zur Tür hinaus, wo sie fast mit einem SEED-Mitarbeiter kollidierten. „Hey, Vorsicht, junge Damen! Wohin geht's denn so eilig?“
„Als erstes zu irgendeinem Frühstück. Wissen Sie vielleicht zufällig, wo man hier so was bekommt?“, erwiderte Juna. Der Mann kratzte sich am Kopf: „Geht in die Kantine im ersten Stock, da bekommt ihr sicher etwas.“
Die beiden Mädchen bedankten sich für die Auskunft, liefen los und vermieden dabei aber nur knapp einige Kollisionen mit anderen Leuten, die sich zufällig im Weg befanden.
 
Normalerweise ging Teresa eher ungern in die Kantine, aber da die Besprechung relativ früh angesetzt war und Commander Onizuka es hasste, wenn Leute zu spät kamen, würde sie wohl oder übel dort frühstücken. Gerade als sie dir Tür öffnen wollte, hörte sie jemanden rufen: „Achtung, ich kann nicht mehr bremsen!“ Sie wollte noch ausweichen, aber da krachte schon jemand mit voller Wucht in sie hinein und warf sie zu Boden. „Uff!“ Sie sah auf, um zu sehen, wer da mit ihr zusammengestoßen war. „Lia Hawken und Juna Ariyoshi! Was tut ihr denn hier!?“ Die beiden Mädchen sahen sie verlegen an. Beide waren knallrot im Gesicht, was vor allem bei Lia aufgrund ihrer hellen Haut sehr interessant aussah.
„Entschuldige, Teresa-san, wir haben es ein wenig eilig, sonst kommen wir zu der Besprechung zu spät und das wäre sehr peinlich!“, keuchte Juna. „Na, so eilig braucht ihr es auch wieder nicht haben, es ist noch eine halbe Stunde Zeit! Was haltet ihr davon, wenn wir drei gemeinsam frühstücken?“
Die Mädchen nickten zustimmend. Teresa war ihnen beiden recht sympathisch und man konnte gut mit ihr reden. Sie stand mit beiden Füßen am Boden und kam auf keine dummen Ideen.
 
Die drei wählten ihr Frühstück aus. Auf Teresas Rat hin wählten die beiden Mädchen etwas Deftigeres als die in Japan üblichen Nudeln mit Beilage. „Solche Besprechungen können eine ganze Weile dauern.“, hatte die Chinesin gesagt. „Nehmt euch lieber etwas Füllenderes, sonst seid ihr sehr bald wieder hungrig und könnt euch nicht konzentrieren.“
Sie suchten sich einen Tisch nahe einem Fenster aus, von wo aus man zum Wald hinüber sehen konnte. Während Lia aß, starrte sie gedankenverloren hinaus und bekam anfangs gar nicht mit, dass Teresa sie ansprach. Erst als Juna sie anstupste, drehte sie sich um: „Was denn?“
Teresa lachte: „Du bist völlig in Gedanken versunken. Was beschäftigt dich denn so?“
„Eigentlich nichts Besonderes. Ich habe mir überlegt, wie es in dem Wald aussieht, ob man da spazieren gehen könnte und ob ich meinen Bruder wohl dahin schleifen könnte oder seine Kleine - Cindy oder wie auch immer sie heißt - mir da einen Strich durch die Rechnung machen würde.“ Lia lachte leise und sah Teresa an.
„Über welche Dinge du nachdenkst, Lia-san! Du bist wirklich eine interessante Person!“, meinte diese darauf.
„Danke, Teresa-san!“, antwortete die Irin. „Wieso denken eigentlich alle hier, dass ich interessant oder komisch bin? Was ist daran, dass ich an einen Wald denke, komisch?“ Juna sah ihre Freundin erstaunt an: „Wieso komisch?“
Lia legte ihren Kopf in einer Art schief, die so sehr an Chris erinnerte, dass Juna und Teresa einander erstaunt ansahen und Teresa sich folgenden Gedankens nicht erwehren konnte: Dieses Mädchen ähnelt Chris so sehr! Es ist weniger der Charakter, aber gewisse Bewegungen und Gedankengänge sind einfach dermaßen ähnlich, dass man schon ein Dummkopf sein müsste, um die Verwandtschaft der beiden zu übersehen!'
 
Die Irin fuhr fort: „Teresa-san, ich bin nicht blind und auch nicht blöd. Ich bin Telepathin und jeder, der Chris und mich gemeinsam gesehen hat, denkt, dass ich komisch bin und er auf mich abgefärbt hat. Wieso? Ich habe ihn fast 6 Jahre lang nicht mehr gesehen, wie soll er da bitte auf mich abfärben? Ich würde es ja verstehen, wenn er all die Jahre daheim gewesen wäre, aber so verstehe ich es überhaupt nicht!“
Teresa musterte sie eingehend, dann sagte sie bedächtig: „Ich glaube, die Leute meinen weniger, dass er auf dich abgefärbt hat, sondern eher, dass ihr zwei euch sehr ähnelt, eben trotz dieser langen Trennung. Es ist jedem hier aufgefallen, dass ihr beide einen besonderen Link zueinander habt, das kannst du nicht verleugnen. Vor allem Cindys Eifersucht ist sicher auch diese Tatsache zurückzuführen. Sie kann nicht übersehen, dass du und er in kürzester Zeit die Verbindung eurer Kindheit wieder aufzubauen begonnen habt.
Schau dich an: Wenn du dich nach vorne lehnst und dir die Haare ins Gesicht fallen, denke ich sofort an Chris, weil ihm die Haare auf dieselbe Art ins Gesicht fallen. Wenn du dich umdrehst oder aufsiehst, sehe ich ihn in dir! Ihr scheint sogar teilweise ähnliche Vorlieben und Abneigungen zu haben: Chris liebt die Natur und die Musik so wie du. Er erwähnte einmal, dass er früher gerne getanzt hat. Auch du bewegst dich wie eine Tänzerin.“
Lia starrte ihr Gegenüber verblüfft an. Teresa - eine Kopfblinde - hatte sie keine paar Mal gesehen und durchschaute sie! Das war ihr noch nie passiert!
 
Teresa:
Ich finde dieses Mädchen wirklich interessant. Sie sieht Chris äußerlich so ähnlich und auch ihre charakterliche Grundeinstellung scheint die gleiche zu sein. Aber was sie daraus macht und wie sie sich sonst verhält, ist komplett das Gegenteil von Chris' Art. Es ist dadurch einerseits sehr leicht, zu schätzen, wie sie sich verhalten wird, andererseits aber auch sehr schwer.
 
Ich glaube, dass er in Zukunft viel Kontakt zu seiner Schwester haben wird, denn es ist mir nicht entgangen, dass er sie innig liebt und alles geben würde, den verlorenen Kontakt wiederherzustellen. Das erkennt man schon allein an dem Fakt, dass er sich viele Gedanken um ihre Sicherheit macht und ihre Mitarbeit an die Bedingung seiner Anwesenheit knüpft. Ich kann ihn verstehen, weil ich gesehen habe, was ihr Temperament auslösen kann. Es war keine angenehme Erfahrung. Ich möchte nicht diejenige sein, die ihren Unwillen oder gar ihre Feindschaft auf sich zieht!
 
Meine Vermutung ist, dass er seine temperamentvolle Schwester unter Kontrolle haben will, damit sie nicht in blinder Wut alles um sich zunichte macht. Ein verständliches Vorgehen. Die Sorge um ihre Sicherheit passt da ebenfalls hervorragend dazu.
Mir ist klar, dass er auf sie einen besänftigenden Einfluss hat und nur ein Wort von ihm - oder auch nur eine Geste - bei ihr viel bewirken können. Sie liebt ihn mehr als alles auf der Welt und würde alles Menschenmögliche für ihn tun.
 
Ich hoffe aber, dass Lia auch einen gewissen Einfluss auf ihren Bruder hat. Seine Gesundheit lässt mehr und mehr zu wünschen übrig und wenn kein Wunder geschieht, stirbt er noch vor Ablauf des Jahres. Sie könnte diese Entwicklung zwar nicht umkehren, aber ich denke, dass ihre Fröhlichkeit und Herzlichkeit gepaart mit ihrer Zärtlichkeit und bedingungslosen Liebe ihn für die Zeit, die sie hier in Japan ist, zum Aufblühen bringen werden, weil er auch einmal an andere Dinge denken kann, anstatt sich nur auf seine Pflicht konzentrieren zu müssen. Ich hoffe nur, dass Cindy diesen guten Effekt mit ihrer Eifersucht nicht zunichte macht. Sie klammert sich an Chris, der ihre einzige fixe Bezugsperson ist, und übersieht dadurch, welch positiven Effekt eine Kooperation mit seiner Schwester haben könnte.
 
Er behandelt sie ja auch wie seine kleine Schwester und wenn ich auch nicht weiß, was er zu ihr sagt, wenn sie alleine sind, glaube ich doch, dass er ihr sehr viel vermitteln kann. Das Mädchen spricht ja -weil er vermutlich häufig Englisch mit ihr spricht - flüssig Englisch und hat bei ihm Liebe kennen gelernt, die sie, bevor sie zu ihm kam, nie gekannt hat.
 
Chris glaubt sicher, dass ich nicht weiß - oder es mir nicht vorstellen kann -, dass er einen Raaja in sich aufgenommen hat, um die Erde zu schützen. Das ist auch der Grund, warum seine Gesundheit sich immer mehr verschlechtert. Klarerweise spielt die Anstrengung der PSI-Arbeit auch eine große Rolle, aber es ist der Raaja, der ihm die Lebenskraft nimmt. Er würde das aber vor uns und vor allem vor Cindy, Juna und Lia nie und nimmer zugeben, wie schlecht es ihm eigentlich geht. Das lässt sein verdammter Stolz nicht zu.
Es gibt da nur ein Problem: Desto schwächer er wird, umso schwächer wird auch sein Griff um die unseligen Kräfte des Raaja und damit wird die Gefahr immer größer, dass er diese Monster nicht mehr in Schach halten kann. Diese Angst, diese Sorge, treibt ihn, Juna mehr oder minder ins kalte Wasser zu stoßen, damit sie endlich begreift, wie sie ihn erlösen kann. Leider ist Juna zu sehr der materiellen Welt verhaftet, als dass sie die Bedeutung seiner Aufforderungen, die schon fast Bitten nahe kommen, begreift…
 
Juna musste lächeln. Lia, die normalerweise nie um eine Antwort verlegen war, schwieg verblüfft! Das war bis jetzt noch nie passiert. Teresa schien wirklich eine Gabe zu haben, die Menschen zu durchschauen und sie einzuschätzen. Sie sollte sich wirklich das eine oder andere von der Chinesin abschauen, dann würde sie die redselige Irin vielleicht öfter einbremsen können.
 
Der Rest des Frühstücks verging in amüsiertem Schweigen, bis es Zeit wurde, zu gehen.
„Na denn, Mädels, gehen wir!“, forderte Teresa die Freundinnen auf und nahm ihr Frühstückstablett, um es zurückzubringen. Die zwei taten es ihr nach. Dann führte sie die Mädchen in den Besprechungsraum, wo schon etliche Leute auf sie warteten, unter ihnen Chris und Cindy. Sie bedeutete ihnen, sich unauffällig hinter Chris und Cindy zu stellen und trat dann selber an den Tisch.
 
Sie wandte sich an die Versammelten: „Guten Morgen, meine Damen und Herren! Guten Morgen, Commander Onizuka und Chris-san! Ich habe dieses Meeting aus einem ganz bestimmten Grund einberufen. Wie Sie alle wissen, ist TI-1 durch die Strapazen der letzten Jahre und die andauernden Konflikte mit den Raaja körperlich sehr geschwächt und TI-2 noch nicht vollständig erwacht.“ Zustimmendes Nicken in der Runde. Sie fuhr fort: „Ein glücklicher Wink des Schicksals hat uns nun Lia Hawken, Chris' Schwester, in die Arme geführt. Das Mädchen besitzt ähnliche TI-Fähigkeiten wie ihr Bruder und ist fast ebenso gut darin wie er. Ich und etliche der hier Anwesenden waren unfreiwillige Zeugen einer Demonstration. Sie hat sich bereit erklärt, uns während der Monate, die sie im Rahmen eines Schüleraustausches hier in Japan verbringt, zu unterstützen.“ Im Raum stieg ungläubiges Gemurmel auf und ein hoch gewachsener Mann in seinen 50ern trat vor. Als er sprach, versiegten die Stimmen.
„Chris-san, ist das wahr? Wo ist dieses Mädchen?“ Cindys monotone Stimme durchbrach das Schweigen: „Auch wenn ich persönlich nicht gerade glücklich mit dieser Entscheidung bin, Onizuka-san und Teresa-san, ist es doch für uns alle das Beste. - Ja, es ist wahr. Meine um 5 Jahre jüngere Schwester Lia ist hier, um mit meiner Zustimmung und unter meiner Aufsicht TI-2 und mich zu unterstützen.“ Der junge Mann machte eine leichte Handgeste und das zierliche, hellblonde Mädchen trat aus den Schatten nach vor.
 
Commander Onizuka traute seinen Augen kaum. Er hatte schon viel in seinem Leben gesehen, aber dieser Anblick war auch für ihn faszinierend. Das Mädchen, das neben Chris' Rollstuhl stand, hatte dieselbe Haarfarbe wie er und auch einen ähnlich zarten Körperbau. Er vermutete, dass sie vielleicht sogar noch ein wenig kleiner als Chris war. Ihre Augen waren leuchtendblau und ihr brustlanges, aus dem Gesicht zurückgestrichenes Haar schien im Halbdunkel zu leuchten. Sie bewegte sich mit einer katzenhaften, tänzerischen Anmut und hielt den Kopf stolz erhoben, als wüsste sie, welch wichtige Rolle ihr zugedacht würde. Zwischen den Augenbrauen leuchtete ein blauer Punkt, der offenbar auftätowiert war.
Das Mädchen trug eine ausgetragene SEED-Uniformhose und darüber ein Armeetop. Um ihren Hals hatte sie ein Lederband, an dem ein roter Stein baumelte. Ihre Ohrringe ähnelten dem roten Ohrstecker ihres Bruders.
Der junge Mann drehte sich zu ihr und schien ihr telepathisch etwas zu sagen. Daraufhin verbeugte sie sich kurz grüßend und begann mit halblauter, melodiöser Stimme in stark akzentuiertem Japanisch zu sprechen: „Guten Tag, mein Name ist Lia Hawken und ich bin Chris' jüngere Schwester. Das wie und warum meines Hier seins wurde schon erläutert, deshalb will ich Ihnen erklären, wie es kommt, dass mein Bruder und Teresa Wong der Meinung sind, dass ich Ihnen helfen kann.“ Obwohl sie die Stimme nicht erhob, verstand man sie im ganzen Raum problemlos.
„Mein Bruder und ich stammen aus einer Telepathenfamilie, das heißt, für uns sind die Fähigkeiten, die Sie offenbar als TI-Fähigkeiten bezeichnen, etwas ganz normales. Wir wurden von Kind auf in ihrem Gebrauch unterwiesen. Dadurch, dass wir der Familie Hawken entstammen, haben wir bestimmte spezielle Talente, die sich vor allem im Bereich von -„, sie unterbrach sich und wandte sich ihrem Bruder, telepathisch nach der Übersetzung einiger Fachwörter fragend, zu. Nach kurzer lautloser Kommunikation fuhr sie fort: „ - Astralreisen, Astralprojektion und Umgang mit Dimensionsportalen bewegen. Aber ich will mich hier nicht in irgendwelchem Fachgesimpel verlieren, das Kopfblinde nur langweilt. Jedenfalls habe ich meine Ausbildung fast beendet und bin daher in der Lage, wie Chris starke Energien zu bündeln und zu fokussieren. Weiters kann und darf ich bereits bis zu einem gewissen Grad Anfänger in diesen Disziplinen trainieren.
Sie wollen sicher wissen, warum ich unter Chris' Aufsicht arbeiten soll. Neben den Tatsachen, dass ich in dieser Organisation neu bin und ich Juna und ihm helfen soll, ist es ein Faktum, dass mein Bruder auch mein Bewahrer ist. Nach den Gesetzen meiner Heimat unterstehe ich seinem Kommando und seinen Befehlen - er ist quasi mein Vorgesetzter, weil ich, wie gesagt, noch nicht ganz fertig mit meiner Ausbildung bin. Selbst wenn ich fertig bin, unterstehe ich ihm weiterhin, da er eindeutig mehr Erfahrung mit PSI-Arbeit als ich hat.“ Sie lachte leise. „Ist ja auch kein Wunder! Als Avatar der Zeit hatte er sicher reichlich Zeit, diese Erfahrungen zu sammeln! - Wenn Sie noch Fragen haben, stellen Sie diese ruhig. Wenn ich kann und darf, werde ich sie beantworten!“
Commander Onizuka staunte nicht schlecht. Dieses zierliche Mädchen sollte den Berichten und ihrer eigenen Aussage zufolge über starke TI-Kräfte verfügen? Kein Wunder, dass Teresa auf die Idee gekommen war, sie zur Unterstützung einzusetzen.
 
„Hawken-san, darf ich mir eine Frage erlauben?“ Beide Hawkens sahen zu ihm hinüber. Oje, diese Anrede wird wohl noch öfters zu Missverständnissen führen!', dachte Onizuka. „Ich meinte das junge Fräulein, Chris-san. - Was meinen Sie damit, dass Chris Ihr Bewahrer sei? Er ist nach den Gesetzen Ihrer Heimat Ihr Vorgesetzter, das habe ich verstanden, aber der Name „Bewahrer“ impliziert doch, dass er etwas bewahren soll, oder?“
 
Lia sah ihren Bruder Hilfe suchend an und übermittelte ihm: Wie zum Teufel erkläre ich ihm das in Kurzfassung? Man muss so viel berücksichtigen bei dieser Erklärung! - Außerdem, wer ist er?' Er sah sie an: Das ist Commander Onizuka, unser oberster Chef, der nur noch dem General von SEED untersteht. Lass mir am Besten das Reden, du würdest dich ohnehin in einem Redeschwall versteigen!' - Wie du willst, Chris.'
Sie wandte sich an Commander Onizuka: „Commander Onizuka-san, wenn es Ihnen nichts ausmacht, wird mein Bruder das erklären. Er pflegt sich meist etwas kürzer zu fassen als ich.“ Onizuka nickte dem Angesprochenen zu und wieder füllte Cindys monotone Stimme den Raum:
„Eigentlich wollte ich dieses Thema nicht unbedingt anreißen, aber da meine Schwester es nun einmal getan hat, komme ich wohl nicht darum herum: Wir Telepathen arbeiten in so genannten Kreisen, die so heißen, weil die PSI-Arbeiter kreisförmig um ihren Bewahrer herumstehen und ihm die Energie zuführen, mit der er dann arbeitet.
Ein Bewahrer kann weiblich - ténéresteis - oder männlich - ténérezu - sein, das Geschlecht spielt für uns keine Rolle, nur das Talent. Er oder sie nimmt die angebotene Energie auf, bündelt und bewahrt sie stabil und nutzt sie für den Zweck, zu dem der Kreis zusammengekommen ist. Das können viele verschiedene Ziele sein: Von normalen Feierlichkeiten bis hin zu komplexen Manipulationen am Energienetz der Erde. Dieser Rang ist aufgrund der damit verbundenen hohen Verantwortung und großen Gefahr der höchste und verlangt eine jahrelange, gründliche Ausbildung. Daher sind nur wenige für diese Position bestimmt. Meist, aber nicht ausschließlich, wird der ténérezu oder die ténéresteis von unserer Familie gestellt.
In der Grafschaft Mayo gibt es derzeit vier arbeitsfähige Bewahrer aus den Familien Cheallaigh, McLeod, Arran und Hawken, deren Namen ich hier nicht erwähnen werde, da sie irrelevant sind. Wie es in Japan derzeit steht, weiß ich nicht.“
Lia fügte verschmitzt grinsend hinzu: „Es gibt noch einen fünften Bewahrer aus Mayo aus der Familie Hawken, aber der ist hier in Japan!“ und heimste sich dafür einen mörderischen Seitenblick ihres Bruders ein.
 
Onizukas Miene hellte sich sichtbar auf: „Ich verstehe. Das erklärt natürlich einiges.“ Er wandte sich an die Versammelten: „Nun, wie steht es mit Ihnen, meine Damen und Herren? Im Lichte dieser Erklärungen finde ich Teresas Idee, Lia Hawken als Unterstützung für unsere TI-Telepathen einzusetzen, hervorragend und unterstütze sie voll und ganz.“ Zustimmendes Gemurmel erklang und Onizuka fuhr fort: „Damit ist diese Sache wohl geklärt. Lia-san, würdest du nachher mit mir mitkommen und dir deine Papiere holen?“ Das Mädchen nickte. „Gerne. Darf ich mich nun setzen oder brauchen Sie noch etwas von mir?“ - „Nein, danke. Du kannst dich setzen.“ Lia setzte sich in einen freien Sessel neben ihren Bruder und sah sich nach Juna um, die hinter ihr, nahe der Wand saß und zwinkerte ihr zu. Wer sonst noch hinten saß, konnte sie nicht erkennen, da Cindy hinter Chris' Rollstuhl stand und ihr die Sicht versperrte.
 
Die restlichen zwei Stunden der Sitzung vergingen für Lia ereignislos. Dinge wurden diskutiert, die sie nicht wirklich interessierten und die sie oft auch vom verwendeten Fachvokabular her bestenfalls teilweise verstand. Cindy, Chris und Juna ging es ähnlich, aber sie versuchten, zumindest so zu tun, als würden sie aufpassen. Irgendwann wurde es ihr zu dumm und sie wandte sich telepathisch an ihren Bruder: Glaubst du, stört es jemanden, wenn wir eine Runde tratschen oder musst du zuhören?' Chris seufzte: Eigentlich sollte ich zuhören, aber ich kenne dich ja. Du lässt sicher nicht locker, bis du irgendein Opfer zum Tratschen gefunden hast. Da ist es besser, wir tratschen telepathisch, als wenn du mit Juna plauderst und dabei alle anderen störst. Alte Klatschbase!' - Moralapostel!'
Nach außen ließ der junge Mann nicht erkennen, dass er sich mit seiner Schwester unterhielt, während er die letzte Stunde angeregt mit ihr über allerlei familiäre Angelegenheiten plauderte und sie wegen ihrer Redseligkeit neckte. Als die Sitzung beendet war, folgte Lia Commander Onizuka in sein Büro, während Juna am Gang vor Onizukas Büro wartete. Nach kurzer Zeit kam ihre Freundin wieder heraus und hielt eine Keycard in der Hand.
 
„Na, das ging ja flott. Ich wünschte, Amtswege wären nicht nur bei SEED schnell, sondern auch bei anderen Behörden.“
„Da hast du Recht. Onizuka ist wirklich flott, wenn er etwas will.“ Die beiden brachen in herzhaftes Gelächter aus. „Sag, Juna, wo ist eigentlich Chris hin? Er wollte noch etwas von mir, bevor ich mit dir heimfahre.“ - „Keine Ahnung. Wann hat er dir gesagt, dass er etwas von dir will? Ihr habt ja fast nichts geredet!“ - „Hast du eine Ahnung! Wir haben die ganze Zeit geredet, nur so, dass wir niemanden stören! Das ist der Vorteil von Telepathie!“ Lia lachte hell auf, als sie Junas verdutztes Gesicht sah. Plötzlich fiel Juna etwas ein: „Unsere Kleider! Sie müssten längst trocken sein! Ich bin heilfroh, wenn ich aus dieser geliehenen Unform raus kann.“ - „Stimmt! Sie ist verdammt unbequem!“ Die beiden Mädchen kehrten daher rasch in ihr Zimmer zurück, wo sie ihre Kleider bereits vorfanden. Außerdem stand Cindy mitten im Zimmer und starrte sie feindselig an.
Sie sagte barsch: „Ich soll euch zwei noch einmal zu Chris bringen. Er will mit euch reden. Zieht euch rasch um und dann kommt!“ Lia und Juna blieb nichts anderes übrig, als ihren Anweisungen Folge zu leisten. Sie liefen ins Bad, wechselten die Kleider und liefen dem Mädchen hinterher.
Cindy führte sie durch die Gänge, bis sie auf einer sonnenbeschienenen Terrasse mit Blick auf den nahen Wald standen. Auf dieser Terrasse, unter einem großen, alten Baum befanden sich ein Tisch, mehrere Sessel und eine Bank. Der Boden war mit Fliesen ausgelegt, so dass das Flair fast mediterran war.
 
An jenem Tisch saß Chris, der sie offenbar schon erwartet hatte. Er wirkte noch von den Anstrengungen des Vortages erschöpft und müde, sein Gesicht war blass. Cindy lief zu ihm hin und sagte: „Da sind die zwei! Was willst du noch von ihnen?“ Der junge Mann wandte sich an Juna und Lia, die sich hingesetzt hatten.
Es würde mich sehr interessieren, was eigentlich aus deinen Nachhilfestunden für Juna geworden ist, Lia? Ich habe gesehen, dass Juna Fortschritte gemacht hat, aber irgendwie stockt die ganze Sache noch sehr. Uns läuft leider die Zeit davon, ich muss drängen!'
Lia zuckte die Schultern: „Soweit läuft es ganz gut. Das Scannen geht schon recht flott, nur das Überwachen hapert noch gewaltig.“ - Und was ist mit dem Blocken und Schirmen?' - „Tja, das ist auch so eine Sache…. Juna hat das Prinzip begriffen, nur die Praxis, die schaut düster aus. Ihr Schild ähnelt mehr einem Schweizer Käse!“
Chris seufzte. Die Sache war doch zu frustrierend! Wie sollte Juna rechtzeitig erwachen, wenn es selbst hier zu Problemen kam? Er würde wohl doch auch selber mit ihr arbeiten müssen.
Nicht dass seine Schwester inkompetent wäre, aber er hatte das vage Gefühl, dass Juna sich etwas falsch eingelernt hatte und sie den Fehler nicht erkannt hatte.
 
Er sah das Mädchen auffordernd an: Juna, bitte zeige mir doch einmal, was du gelernt hast!' Juna sah eher hilflos aus: „Was soll ich machen?“ - „Närrin, ich will nur, dass du mir vorzeigst, was du kannst! Fang mit dem Scannen an, Lia sagt, du könntest das bereits ganz gut.“
Juna rollte mit den Augen und folgte seinem Befehl. Sie versuchte, die Leute um sich herum zu erspüren, zunächst nur die Leute im Zimmer und dann in der ganzen Basis. Als sie ihre Konzentration wieder auf Chris wendete und wieder in die Realität zurückkehrte, nickte er anerkennend.
Wenigstens irgendetwas funktioniert! Was ist mit dem Blocken?' Juna machte ein betretenes Gesicht. „Es geht irgendwie nie! Lia sagt, so und so musst du es machen, aber wenn ich es dann versuche, klappt es nicht. Ich baue kurz einen Schild auf, der aber gleich wieder zusammenbricht oder völlig durchlöchert ist!“, sagte sie frustriert. Da sah Chris sie an und befahl: Zeig! Vielleicht kann ich den Fehler finden. Am besten, du zeigst mir auch gleich, wie du schirmst. Ich habe das Gefühl, du machst bei beidem denselben Fehler.' Juna tat wie ihr geheißen, während er sie überwachte.
Ha, ich hab' deinen Fehler! Wenn du deinen Schild aufbaust, baust du ihn nicht gleichmäßig auf, sondern irgendwie, so scheint mir, von oben. Was du da tust, ist mir zwar nicht ganz eingängig, aber es ist klar, dass du das Prinzip verstanden hast. Lass mich dir das noch mal zeigen. Achte genau auf das, was ich tue!' Er schloss die Augen und sammelte sich, schließlich musste er Handlungen, die für ihn Reflexe waren, langsam und bewusst zeigen, so dass sie nachvollziehbar waren.
 
Juna konzentrierte sich und achtete auf das, was er tat:
Zuerst flackerten seine mentalen Schilde und fuhren herunter, bis er so offen war wie sie es derzeit war. Dann bauten sie sich langsam von unten her wieder auf und blieben dabei gleichmäßig und geschlossen. Plötzlich dämmerte ihr, worin das Missverständnis gelegen hatte: Lia hatte ihr geraten, sich den Schild wie eine Glasglocke vorzustellen, der nur Gutes durchließ. Prompt hatte sie ihn scheinbar instinktiv falsch herum aufgebaut. Kein Wunder, dass er nicht hielt.
Als sie das den anderen mitteilte, lachte Lia auf und sagte: „Na kein Wunder, dass wir den Fehler nicht gefunden haben! Ach ich blindes Huhn, ich hätte dir wirklich etwas Arbeit sparen können, Chris!“
Chris sah sie ernst an: Nun, dann versuch es einmal selber. Ich will sehen, ob du es jetzt verstanden hast und es alleine schaffst. Wenn du nämlich das Prinzip einmal intus hast, dann ist es leicht.' Juna versuchte erneut, einen Schild aufzubauen. Diesmal mit Erfolg. Gut, und jetzt das Schirmen!' Sie baute einen schimmernden Energieschild um sich auf, der diesmal nicht durchlöchert war. Als sie die Augen wieder öffnete, klopfte Lia ihr auf die Schultern und sagte: „Gut gemacht! Tut mir leid, dass ich den Fehler nicht bemerkt habe. Ich bin offenbar schon etwas betriebsblind!“
 
Chris öffnete seufzend die Augen. Gott sei Dank war das wenigstens nur ein geringfügiges Problem. Ich habe schon befürchtet, dass es etwas Gröberes wäre. Was jetzt noch fehlt, ist das Tempo. Du musst deine Schilde im Kampf schnell heben oder senken, denn dein Feind wartet nicht, bis du fertig bist!“ Juna sah ihn fragend an: „Wie soll das gehen? Ich brauche ja so schon meine volle Konzentration. Im Kampf kann ich nicht gut die Augen schließen, um mich zu konzentrieren!“ - Das muss ein Reflex werden.' Jetzt war Juna endgültig verwirrt. „Reflex? Na toll! Lia hat gesagt, ich bräuchte das auch in der Schule, weil ich immer sensibler werde.“ - Ja, als Avatar der Zeit wirst du zwangsläufig hoch sensitiv werden. Das bedeutet: Entweder du kannst dich abschirmen und ungewünschte Einflüsse abblocken oder du wirst überfahren.'
 
Juna stöhnte. Das waren ja famose Aussichten! Ihr reichte ihre derzeitige Sensibilität völlig, da brauchte sie nicht noch mehr! Aber wenn sie sich Chris ansah, dann ahnte sie, was wohl noch auf sie zukommen würde. Also war es wohl doch besser, seine Lektion zu akzeptieren.
A propos Lektion… Lia hatte in zwei Wochen Mathematiktest und soweit sie wusste, hing die Irin durch. Null Ahnung von irgendetwas. Juna hatte mit ihr gelernt, aber es war alles umsonst gewesen. Offenbar folgte auch ihre Freundin diesem Gedanken, da sie ein besorgtes Gesicht machte.
 
Habt ihr mir überhaupt zugehört?' Die beiden schraken auf und Lia fragte ihn abwesend: „Was hast du gesagt, Chris?“ - Wo seid ihr beide geistig? Ich sagte, dass Juna noch viel arbeiten muss. Es ist sehr wichtig, dass sie schnell wird. - Ihr hört mir ja bestenfalls mit einem halben Ohr zu! An was denkt ihr denn so intensiv? … Mathematik? Warum ausgerechnet Mathematik?' Er runzelte die Stirn und fuhr fort: Juna, sag nicht, du hast Probleme in Mathe!' Juna wurde rot und Lia mischte sich ein: „Ähm, Chris? Ich bin ihr mathematisches Problem! Ich habe in zwei Wochen Test und habe null Ahnung. Ehrlich gesagt rechne ich damit, dass ich negativ bin, außer ein Schummelzettel wirkt ein Wunder!“ Sie zog ein Gesicht.
 
Chris' Entsetzen schlug wie Wellen auf die Mädchen über: Du bist was!?' - „Ich bin in Mathe negativ, du hast dich nicht verhört!“ Da mischte sich Cindy ein: „Ihr habt ja Diskussionen! Jeder Tag bringt uns einer möglichen Katastrophe näher, und alles, woran ihr denken könnt, ist ausgerechnet Mathematik!? Also ihr spinnt doch! - Chris, ich habe dir gesagt, das war eine Schnapsidee! Sag jetzt bitte nicht, du willst ihr in Mathe helfen! Wir haben wirklich wichtigeres zu tun, als Mathe zu diskutieren!“
Lia funkelte sie an: „Wenn du mir garantieren kannst, dass die Welt vor dem Mathematiktest untergeht, dann lasse ich mich gerne dazu überreden, mir keine Gedanken darüber zu machen! Ansonsten diskutiere ich gerne weiter mit dir, Kleine, aber erst nach dem Test!“ Cindy knirschte wütend mit den Zähnen: „Du…! Wie kannst du nur…!? - Chris, sag oder tu doch was!“
 
Hätte Chris die Kraft gehabt, seine Hände über dem Kopf zusammenschlagen zu können, er hätte es aus reiner Frustration getan. Die Probleme multiplizierten sich gerade sprunghaft und diese Streiterei zwischen Cindy und seiner Schwester trug auch nicht gerade dazu bei, seine beginnenden Kopfschmerzen zu lindern.
Hört bitte auf zu streiten! Wie soll man sich da konzentrieren?' - „Aber sie beleidigt mich!“, fuhr Cindy erregt auf. Ach Gott, Cindy! Deswegen können wir uns jetzt auch nicht in sinnlosen Streitereien versenken! Es ist klüger, erst einmal eine Lösungsmöglichkeit für dieses Problem zu finden!' Er dachte eine Weile nach, während Cindy und Lia einander mörderische Blicke zuwarfen und Juna ratlos zwischen den beiden hin- und hersah.
Plötzlich hellte sich Chris' Miene merkbar auf und er hob den Kopf: Hm, ich habe an und für sich zwei freie Tage in der Woche, an denen ich wirklich nur im Notfall gestört werde: Dienstag und Samstag. Ich schlage vor, dass du, Lia, an diesen Tagen nach der Schule vorbeikommst und wir uns gemeinsam deine Mathematik ansehen. Was ist denn Stoff?' Die Irin hob eine Augenbraue: „Ebenengleichungen und alles drum herum. Ich sag dir aber gleich: Ich hab null Ahnung von irgendwas! Mathe ist mir ein spanisches Dorf! Es muss schon ein Wunder geschehen, glaub' ich, damit ich das noch rechtzeitig vor dem Test kapiere.“
Juna mischte sich ein: „Wie willst du ihr das denn erklären? Wir haben schon seit Tagen gemeinsam gelernt, aber sie kapiert es nicht. Vorgestern haben wir es dann aufgegeben.“ Lia wandte sich ihr zu und meinte: „Er war in unserer Familie das Genie in Mathe. Wir anderen haben uns meist mittels Schummelzetteln durchgemogelt. Wenn es Noten in der Erstellung von Schummlern gäbe, ich hätte sicher eine Eins!“ Sie lachte und zwinkerte ihrem Bruder zu, der das allerdings gar nicht komisch fand.
Du hast dich durchgeschummelt? Du warst doch immer so gut in der Schule!' Sie senkte den Blick: „Seit du fort warst, war nichts mehr, wie es einmal war. Seán und Mutter legen mehr Wert auf meine Ausbildung zur ténéresteis, als auf meine Schulnoten. Sie wollen schon, dass ich halbwegs gute Noten nachhause bringe, aber sie erwarten keine Bestnoten, da meine Ausbildung schon fordernd genug ist.“ - Wirklich? Aber es bringt doch nichts, wenn du nur eine gute Bewahrerin bist! Du musst auch im normalen Leben überleben können. Wenn du schlechte Noten hast, dann wirst du nie studieren gehen können und später auch keinen guten Job haben. Willst du das?'
 
Der junge Mann fuhr zu seiner Schwester und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Willst du das? Wenn nicht, solltest du dich zusammennehmen und etwas tun.' Sie schüttelte den Kopf.
„Wann soll ich am kommenden Dienstag da sein?“
Sobald du kannst. Wann endet dein Unterricht?'
„Um 14.40 Uhr. Ich habe gelesen, dass es auch eine Verbindung mit dem Zug gibt. Das wären 3 Stationen mit dem Zug und dann ca. 20 Minuten Fußweg.“
Chris wandte sich an Cindy: Stimmt das? Wann geht um diese Zeit ein Zug?' Das Mädchen erwiderte säuerlich: „Ja, es geht um 15.03 Uhr ein Zug, der unten im Tal um 15.40 Uhr ankommt. Wenn ich in die Stadt fahre, nimmt mich allerdings immer William in seinem Auto vom und zum Zug mit. Das ist schneller, vor allem am Abend.“ Er nickte.
Gut, dann werde ich mit William absprechen, dass er dich vom Zug holt. Ich könnte es nicht verantworten, dich alleine herumlaufen zu lassen!'
Seine Schwester verdrehte die Augen: „Chris, ich bin fast 16 und kein kleines Kind mehr! Ich hätte auch bequem zu Fuß hergefunden, da brauche ich wirklich keinen Aufpasser mehr!“ Juna stimmte ihr zu: „Cindy fährt ja schließlich auch alleine in Osaka herum. Ich bin ihr erst neulich am Rummelplatz begegnet.“
Das mag schon sein.', räumte er ein. Aber Cindy hat im Unterschied zu dir eine profunde Ortskenntnis.'
„Chris!“, protestierte Lia entrüstet. „Es gibt da etwas, das nennt sich Stadtplan! Soweit kann ich japanisch lesen, um einen simplen Stadtplan lesen zu können! Halt mich bitte nicht für debil!“
 
Juna konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen. Die beiden waren einfach zu süß und zu amüsant, wenn sie sich stritten! Beide waren dickköpfig und beharrten auf ihrer Meinung. Im Verlauf des Streitgesprächs wurde ihr allmählich klar, dass die beiden Geschwister mehr als nur eine äußerliche Ähnlichkeit besaßen. Sie waren alle zwei sehr dickköpfig, sehr freiheitsliebend und sehr eloquent, wenn es ums Streiten ging.
Am Ende war es Lia, die zähneknirschend nachgeben musste. Chris hatte einfach die stärkeren Argumente geliefert und ihr zu verstehen gegeben, dass sein Ansinnen keine Schikane war, sondern einfach seiner Sorge um ihr Wohlergehen entsprang.
 
Nach einigen weiteren Worten zum Thema Mathematik entließ er sie, nicht ohne ihnen einzuschärfen, weiter an Junas Fähigkeiten zu üben.
 
Chris:
Kaum dass Lia und Juna fort waren, ist Cindy heute Nachmittag wie eine Furie über mich hergefallen. Sie hat mich gefragt, ob ich den Verstand verloren hätte, da es doch sicherlich wesentlich wichtigere Dinge als Mathematik gäbe. Eigentlich hat sie ja Recht und ich verstehe ja selber nicht, was mich bewegt hat, Lia die Zusage zu geben, ihr Mathematiknachhilfe zu erteilen. Meine Aufgaben lassen mir ohnehin wenig Zeit zur Erholung, obwohl ich in meinem Zustand diese dringend brauche.
 
Doch wenn ich genauer darüber nachdenke, muss ich mir eingestehen, dass ich den Nachhilfeunterricht für meine Schwester als Vorwand benutze, um mit ihr zusammenzusein und unsere Geschwisterbeziehung wieder zu festigen. Ich kann vor mir nicht verheimlichen, dass ich sie sehr lieb habe und dass sie meine Gefühle und mein Herz in einer Art berührt, wie ich schon lang nicht mehr berührt worden bin. Ich habe das Gefühl, zum Leben zu erwachen, wieder einen Grund zum Lachen zu finden und meine Gefühle zu entdecken. Aber ist das nicht eine Schwäche mehr, ein Grund mehr, in den Augen anderer ineffektiv zu erscheinen?
Ich bin körperlich schon schwach genug und jede zusätzliche Anstrengung verschlimmert nur meinen Zustand. Dies wiederum veranlasst manche Leute, mich als „nutzlos“ anzusehen, da ich in ihren Augen das TI-Agreement, einen Vertrag, der die Arbeit der TI-Telepathen regelt, nicht mehr erfüllen kann. Vor allem Teresa denkt manchmal so, trotz aller Sympathie, vor allem dann, wenn es mir wieder einmal körperlich schlecht geht. Eigentlich schade, sie ist sehr nett und ich kann gut mit ihr arbeiten.
 
Warum glauben die Leute, dass man zum Einsatz seiner TI-Fähigkeiten seinen physischen Körper braucht? Ich gebe zu, wann immer ich in meinem Astralkörper agieren muss, entzieht ihm dies viel Kraft und zwingt mich physisch ins Bett oder in den Rollstuhl. Aber das hat überhaupt nichts mit meinen PSI-Kräften zu tun, da ich mich auch vom Bett aus in der Oberwelt frei bewegen kann.
Aber es ist leider nun mal so, dass jene, die sich mit solchen Dingen nicht auskennen, glauben, wenn man körperlich schwach ist, ist man das auch geistig. Traurig ist das und töricht.
 
Ich habe Angst. Angst davor, dass man mir meine Gefühle und meine Liebe und Sorge um meine Schwester als weitere Schwäche auslegen könnte. Ich wage es einfach nicht, offen zu zeigen, was ich denke und fühle.
Einzig und allein Cindy ahnt ansatzweise, wie es ungefähr in mir aussieht. Sie ist ein heller Kopf und errät sicher mehr, als ich wirklich explizit deutlich mache.
 
Die Kleine weiß sicher auch, dass ich einen Raaja in mir trage. Sie glaubt allerdings, ich hätte das aus reiner Gutherzigkeit getan. Wie naiv sie doch noch ist!
Es ist ein Faktum, dass in der Natur nichts von vorne herein gut oder böse ist. Nur wir Menschen machen es dazu, indem wir die Dinge so katalogisieren. Was uns nützt, ist gut, alles andere böse. Dieser Blickwinkel ist meiner Meinung nach abgrundtief falsch, denn selbst die Raupe, die dem Gärtner den Kohlkopf wegfrisst, tut das ja nicht aus Böswilligkeit, sondern nur, um zu überleben.
 
So ähnlich ist es auch mit den Raaja. Sie sind im Prinzip eine Reaktion der gequälten Erde auf das, was die Menschen ihr angetan haben in ihrer Ignoranz und Ahnungslosigkeit. Sie kann nicht mehr länger auf einzelne Leben Rücksicht nehmen, es ist einfach schon fast zu spät, um noch irgendetwas zu retten!
Als ich noch Avatar der Zeit war, habe ich diese Tatsache und was zu tun ist, schnell begriffen:
Die Raaja und ich sind Gegensätze, die in den Augen der Menschen Gut und Böse repräsentieren. In der Natur gibt es aber so etwas nicht. Wenn nun der Avatar der Zeit seine Seele mit einem Raaja vereint, kann er dessen zerstörerische Kräfte bannen und mit seiner eigenen Kraft in Schach halten. Wenn seine Kraft dann aber erlahmt, muss er einen Nachfolger finden, der in sich die Stärke hat, das Untier zu bannen.
 
Ich fand Juna, nur um feststellen zu müssen, dass sie der modernen Zivilisation und all ihren irrigen Auffassungen und Selbsttäuschungen zu verbunden ist, um zu begreifen, was ich von ihr will. Sie hört nur die Worte, die ich zu ihr sage, nicht aber was ich im Herzen meine. Warum hört sie nicht mit ihrem Herzen, anstatt nur mit ihrem Verstand? Der Verstand ist ein gutes Werkzeug, doch in solchen Dingen versagt er jämmerlich! Wie kann man nur so töricht sein!?
Schon jetzt sehe ich am Horizont Unheil entstehen und sie hat nichts Besseres zu tun, als nur an ihren Freund Tokio zu denken! Sie hat ihre Gefühle und Neigungen einfach nicht unter Kontrolle! Dieser Junge wird noch ihr Untergang sein, wenn ich es nicht zu verhindern vermag!
 
Wenn ich versuche, sie zurechtzuweisen, verhallen meine Aufforderungen, Warnungen und Hinweise ungehört. Ich gebe mir große Mühe, ihr die Konsequenzen ihres Handelns und Denkens begreiflich zu machen, aber ich ernte von ihr nur Spott oder wütende Worte und sie schlägt meine Ratschläge in den Wind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich so nebulos ausdrücke, ich habe oft eher das Gefühl, dass sie mir nicht zuhören will. Gleichzeitig fordert sie mich auf, ihr zu helfen und ihr den Weg zu weisen. Aber wie soll ich ihr denn helfen, wenn sie sich nicht helfen lässt?
 
Meine Schwester gibt sich wirklich Mühe, ihr einiges verständlich zu machen, aber mir scheint, als ob das auch nicht sehr viel nützt. Ich sehe wohl Fortschritte, aber Junas Grundeinstellung hat sich leider nicht wesentlich verändert.
Was soll ich nur tun? Wie kann ich ihr begreiflich machen, was sie tun soll, bevor die Katastrophe hereinbricht? Ich werde von Tag zu Tag schwächer und damit lässt der Bann des Raajas nach. Früher oder später wird großes Unheil geschehen, das fühle ich mit jeder Faser meines Körpers.
Ich kann nur hoffen, dass sie es rechtzeitig begreift, sonst ist es für Japan zu spät...